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„Ein Landkreis ist nur so stark wie seine Kommunen“

Im Interview erklärt Landrätin Sabine Sitter, wie stabil eine Behörde laufen muss, wie ihre Effizienz gesteigert werden kann, und verrät, ob sie selbst schon einmal auf einen Antrag warten musste.

Landrätin Sabine Sitter hebt das Engagement ihrer Mitarbeitenden hervor: „Das erfüllt mich mit Stolz, denn dahinter steckt eine Menge Arbeit.“

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„Ein Landkreis ist nur so stark wie seine Kommunen“

Im Interview erklärt Landrätin Sabine Sitter, wie stabil eine Behörde laufen muss, wie ihre Effizienz gesteigert werden kann, und verrät, ob sie selbst schon einmal auf einen Antrag warten musste.

Landrätin Sabine Sitter hebt das Engagement ihrer Mitarbeitenden hervor: „Das erfüllt mich mit Stolz, denn dahinter steckt eine Menge Arbeit.“

Frau Sitter, haben Sie schon einmal einen Bauantrag beim Landratsamt gestellt?

Sabine Sitter: Ja, als ich eine neue Terrassenüberdachung bei mir zu Hause errichten lassen wollte.

Haben Sie lange auf die Genehmigung warten müssen?

Nun, es ging nicht von heute auf morgen.

Manche Bürger meinen, dass Behörden zu langsam arbeiten würden oder untätig seien.

Diese Ansicht kann ich nicht teilen, weil ich sehe, was wir hier jeden Tag leisten. Wissen Sie, unser Landratsamt ist Teil der staat­lichen Exekutive, der ausführenden Ver­waltung. Die Bürger haben ein Anrecht auf rechtssichere Bescheide. Dement­sprech­end sorgfältig müssen wir prüfen. In meiner Behörde arbeiten 602 Menschen für rund 127.000 Kreisbürger in 40 Gemeinden. Natürlich machen auch wir Fehler, aber grundsätzlich sind wir effizient und leistungsfähig.

Welche Gründe hindern Ihre Behörde am meisten an einer zügigen Bearbeitung von Sachfällen?

Aus Sicht der Antragstellenden läuft die Bearbeitung mit dem Tag der Antrags­einreichung. Sehr häufig stellen wir fest, dass uns noch Unterlagen oder Stellung­nahmen anderer Behörden fehlen, um über den Antrag entscheiden zu können. Dann fordern wir diese Unterlagen nach. Das gilt in allen Bereichen. Ich kenne niemanden in meiner Behörde, der nicht bestrebt wäre, seine Arbeit jeden Tag aufs Neue bestmöglich auszuüben. Das erfüllt mich mit Stolz, denn dahinter steckt eine Menge Arbeit.

Inwiefern?

Meine Mitarbeiter und ich haben es in den vergangenen Jahren geschafft, sowohl den staatlichen als auch den kreisseitigen Teil des Landratsamtes auf eine neue qualita­tive Stufe zu heben. Das betrifft sowohl die Koordination mit anderen Behörden wie auch unsere Arbeitsabläufe und Struk­tu­ren. Leider kriegen das viele Bürger nicht in der Gänze mit, weil hier vor allem interne Prozesse betroffen waren und sind. Wer genau hinschaut, wird aber bemerken, dass wir diese neue Schaffenskultur nach außen hin vertreten und umsetzen. Darauf habe ich meine ganze Kraft verwendet.

Nicht nur Bürger haben sich in der Vergangenheit beschwert, sondern auch Bürgermeister.

Tatsächlich sind zuletzt einige Bürger­meister meine größten Kritiker gewesen. Ich habe aber den Eindruck, dass sich hier insgesamt die Kommunikation verbessert. Die Beur­teilung über die Qualität einer Behördenleistung hängt nicht zuletzt stark davon ab, wie sie vermittelt wird. Hier sehe ich auch meine zukünftige Aufgabe: die Außenwirkung des Landratsamtes in den Kommunen zu verbessern und sie bei ihrer Arbeit bestmöglich zu unterstützen. Denn ein Landkreis ist nur so stark wie seine Kommunen.

Mangelt es Ihrer Behörde an Zeit?

Ja. In den vergangenen fünf Jahren gab es eine Menge Krisen: Coronapandemie, Migra­tion, Ukrainekrieg, Energiemangel. Wer das alles zusätzlich schultern muss, der hat viel zu tun. Das war nicht immer einfach.

Müssen Krisen künftig besser gemeistert werden?

Definitiv. Daran arbeiten wir auch. Ich selbst besuche Schulungen des Bundes­amts für Bevölkerungsschutz und Katastro­phenhilfe, in denen Behördenleitern Werk­zeuge an die Hand gegeben werden, wie sie mit solchen Situationen besser um­ge­hen. Auch der Kon­takt zur Bundeswehr ist enger geworden. Ich will wissen, was im Krisenfall zu tun ist, und vorbereitet sein.

Gibt es entgegen aller Kritik auch Lob vom Bürger für Ihre Behörde?

Wir kriegen häufig begeisterte E-Mails, beispielsweise an die Führerscheinstelle, das Ausländeramt oder das Bauamt ge­richtet, in denen sich Leute dafür bedan­ken, dass ein Vorgang optimal bearbeitet wurde und alles gut gelungen sei. Viele Menschen erkennen unsere Arbeit an.

Dennoch macht sich in unserer Gesellschaft die Politikverdrossenheit breit – auch im Landkreis?

Wenn Behörden und Politiker manche Dinge besser erklären würden, in einem Gespräch von Auge zu Auge, dann hätten wir manche Probleme nicht. Dazu gehören aber immer zwei. Leider spielt sich mittler­weile zu viel in der digitalen Welt ab, wo­durch manche Bürger den realen Kontakt zu uns und damit auch das Vertrauen in uns verlieren. Ich spüre, dass dieses Pro­blem zunehmend massiver wird, auch bei uns im Landkreis.

Was unternehmen Sie persönlich dagegen?

Als Landrätin muss ich viel im Amt arbei­ten, ich bin aber auch draußen bei den Menschen. Während der Pandemie war mir das nicht vergönnt. Mittlerweile kann ich wieder viele Dinge vor Ort klären. Ich suche das Gespräch, gleichzeitig möchte ich auch direkt angesprochen werden, wenn jeman­den der Schuh drückt. Dafür biete ich Bürger­sprechstunden an.

Können Sie die Politikverdrossenheit nachvollziehen?

Ein Stück weit ja. Es ist aber auch ein Geben und Nehmen. Hilfreich kann es sein, sich in den anderen hineinzuversetzen und Verständnis aufzubringen. Dann würde auch die Kompromissbereitschaft steigen. Daher werbe ich dafür, sich in Gremien wählen zu lassen, Ehrenämter zu über­neh­men, sich für politische Ämter aufstellen zu lassen.

Wird es im Spessart künftig mehr Windräder und Photovoltaikflächen geben?

Ja, darauf wird es hinauslaufen. Ich gebe zu, dass ich mich in das Thema erst ein­ar­beiten musste. Hier muss das Land­ratsamt verstärkt mit dem regionalen Planungs­verband, den Kommunen und den Bürgern vor Ort zusammenarbeiten. Neben der Versorgungs­sicher­heit geht es auch um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Region. Deshalb haben wir das Regional­werk gegründet (siehe Artikel hier).

Natürlich machen auch wir Fehler, aber grundsätzlich sind wir effizient und leistungsfähig.

Sind alle 40 Gemeinden von diesem Konzept überzeugt?

Aktuell sind 30 Gemeinden mit dabei. Ich glaube, weitere werden folgen, wenn sie sehen, welche Vorteile das Ganze bringt.

Es gibt aber auch Bedenken. Vielen Bürgern ist der Anblick von Windrädern oder Photovoltaikflächen in der Spessarter Flur ein Dorn im Auge.

Mir sind die Vorbehalte bekannt, zum Teil kann ich sie nachvollziehen. Deswegen wägen wir momentan alles ab unter den Gesichtspunkten Ökologie, Ökonomie und Sozialver­träglichkeit; also der Nachhaltig­keit. Das gehört zu einer durchdachten Regionalplanung. Deswegen sehe ich unsere Behörde hier besonders in der Pflicht, da geht es auch um Vertrauen.

Weil es um mehr als die Belange Einzelner geht?

Für mich als Politikerin steht das Gemein­wohl an oberster Stelle.

Haben Sie bei all den Problemen und Anfeindungen, die Ihr Amt mit sich bringt, schon einmal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Nein. Aber es ist herausfordernd, das Privat­leben und die eigene Gesundheit mit der Aufgabe in Einklang zu bringen. Wie kommen Sie auf diese Frage?

Weil sich immer häufiger Amtsträger aufgrund von Überforderung oder Anfeindungen zurückziehen. Auch finden sich in manchen Gemeinden kaum noch ausreichend Kandidaten, die sich auf Wahllisten aufstellen lassen wollen. Im Hinblick auf die kommenden Kommunalwahlen in Bayern ist das ein Problem.

Ja, darin erkenne ich auch eine Schieflage. Als Behördenleiterin, die mit den Kommunen im Kontakt steht, sehe ich, was ein Bürgermeister leisten muss – unab­häng­ig davon, ob er haupt- oder neben­amtlich arbeitet.

Die Aufgaben, die einer Gemeinde übertragen werden, nehmen zu. Das schreckt Bewerber möglicherweise ab. Wäre das Amt mancherorts attraktiver, wenn es hauptamtlich ausgeschrieben wäre?

Wir haben in Bayern rund 2.000 Gemeinden, in 800 davon arbeiten die Bürgermeister ehrenamtlich. Sie müssen aber ebenso wie ihre hauptamtlichen Kollegen am Wochen­ende Termine wahrnehmen, nach Feierabend arbeiten, für den Bürger nahbar sein. Ich kann mir vorstellen, dass der zeitliche Aufwand, der mit dieser Pflichtfülle einhergeht, leichter von Personen zu bewältigen ist, die nicht noch einen Beruf nebenher erledigen müssen. Wenn sich eine Gemeinde entschließt, eine zuvor ehrenamtliche Bürgermeister­stelle hauptamtlich auszuschreiben, wird das die Anzahl und Qualität der Bewerberinnen und Bewerber erhöhen.

Haben sich die Erwartungen an das Amtsverständnis geändert?

Mein Vater war Bürgermeister. Immer wenn ich mit ihm unterwegs sein durfte, erhielt ich wertvolle Einblicke in seine Arbeit. Auch früher gab es viel zu tun, aber der Umgang war respektvoller. Der Bürger­meister hatte eine höhere Reputa­tion. Hier hat sich in den ver­gangenen Jahren doch einiges geändert. Die neue Realität ist rauer, die Anfeindungen zahl­reicher, die Ansprüche höher. Ich kenne mittlerweile mehrere Bürgermeister und andere Mandatsträger, denen das Amt gesund­heitlich nicht gutgetan hat.

Welchen Ratschlag würden Sie jemandem geben, der solch ein Amt antreten möchte?

Die Rollen, die wir wann und wo auszu­führen haben, gut zu definieren und sich und die Familie nicht zu vergessen. Eine Frage, die jeder für sich beantworten sollte: Wie gehen meine Familie und ich mit der öffentlichen Stellung um, die ich ein­neh­men werde?

Warum sind Sie gerne Landrätin?

Ich liebe meine Heimat und ihre Menschen. Ich setze mich mit Leidenschaft für sie ein, deswegen macht mir meine Arbeit Freude und Spaß. Und das wünsche ich auch jeder Kollegin und jedem Kollegen in öffentlichen Ämtern.

Fotos: Daniel Peter


Sabine Sitter Die 50-jährige Klinische Sozialarbeiterin ist Mitglied der CSU und seit 2020 Landrätin des Landkreises Main-Spessart. Geboren wurde sie in Karlstadt, aufgewachsen ist sie im Saaletal.

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